Jazzliebe/ljubezen 2017

die 4. OstSteirischen JazzFesttage. Aus Liebe zur Region, den hier lebenden Menschen und zur Musik

JAZZliebe/ljubezen 2016, die 8. grenzfreien SüdOstSteirischen JAZZtage

Di, 18.10, zentrum, Feldbach

FRANK HOFFMANN

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Jazzfreunde,

  

Zunächst danke ich den Veranstaltern für die Einladung und die außerordentliche Ehre ein solch hoch besetztes Festival eröffnen zu dürfen und werde mir alle Mühe geben, den Erwartungen gerecht zu werden.

Der Jazz, liebe Freunde, gehört zu meinem Leben wie das tägliche Brot und mein Leben vor der Entdeckung dieser Musik liegt für mich – mit wenigen Ausnahmen – im dichten Nebel.

Man mag sich natürlich auch nicht gerne an Bombenhagel und Hunger erinnern wodurch meine Kindheit im Wesentlichen bestimmt war. In Dresden aufgewachsen, im Februar 1945 – knapp 7-jährig - in einem Luftschutzkeller vom Bombenhagel glücklicherweise nicht getroffen aber im Bunker eingeschlossen, anschließend in der Sowjetischen Besatzungszone von Entbehrung und Hunger geplagt, war die geglückte Flucht in den sogenannten Westen – genau: nach Heidelberg – wie eine Neugeburt. Dort gab es Schokolade und Kaugummi und Hunger war ein Fremdwort. Diese neue Lebenssituation war in meinen Augen den Amerikanern zu danken und fortan war so ziemlich alles was mit diesen GIs zu tun hatte in glänzendstem Licht. Und Heidelberg war ja schließlich der Mittelpunkt aller amerikanischen Streitkräfte in Europa und ist es wohl auch heute noch für die wenigen amerikanischen Armee-Angehörigen, die sich noch in Europa aufhalten. „Heidelberg wollen wir schonen, in Heidelberg wollen wir wohnen“. Flugblätter mit diesem Inhalt hatten sie bereits kurz vor Kriegsende über dem Neckartal abgeworfen.

Außer Hershey-Schokolade und Wrigley´s Kaugummi brachten die Amerikaner auch noch Basketball und eine zündende rhythmische Musik mit, die in meinen Ohren nicht das Geringste mit dem zu tun hatte, das die Nazis als „Negermusik“ denunziert hatten... und in den Gesellschaftsräumen der Offiziere nur allzu gerne selbst hörten. Das waren damals noch Schellacks mit einer Laufzeit von maximal 3 Minuten und darauf waren die damals gängigen Salon-Orchester von Ray Anthony bis Benny Goodman zu hören die mit dem heutigen Begriff von Jazz nicht allzu viel zu tun hatten aber ihre Wurzeln selbstverständlich dort hatten wo der Jazz im Allgemeinen herstammt. Aus den Gesängen der schwarzen Bauwollpflücker, also aus den Klängen, die dann nach und nach zum Cotton-Picker-Blues mutierten.

Mein Einstieg in den Jazz und der Sog in diese Musik, der bis heute nicht nachgelassen hat, fand Mitte der 1950er-Jahre statt. Ich erinnere mich noch genau daran, dass unser Musik-Lehrer im Gymnasium offenbar genau über meine aufkeimende Jazz-Leidenschaft informiert war und mich aufforderte, einen Vortrag über den Pianisten Fats Waller und dessen Kontrabassisten Slam Stewart zu halten, der seinen gestrichenen Kontrabass noch durch eine Oktave höher unisono gesungen unterstütze, was ich damals mit musikalischen Beispielen auf 45-er Singles unterlegte. Ich hatte damit meinen ersten Applaus, eine gute Note in Musik und man könnte dieses Ereignis sogar als das Fundament dafür werten, dass ich heute mit großer Freude meine Jazz-Leidenschaft mit einer Anzahl nächtlicher Hörerinnen und Hörer in der Ö1-Jazznacht zu teilen versuche.

Verschärft wurde meine Liebe zum Jazz durch die täglichen Besuche in einer Heidelberger Eisdiele, über die ich vor kurzem in der Ö1-Sendung „Spielräume“ berichtet habe. Diese Eisdiele war unser Jugend-Treff und darin befand sich eine der damals üblichen Jukeboxen und durch einen bestimmten Tastendruck lies sich die Aufnahme der Ballade „Moonlight in Vermont“ des Gerry Mulligan-Quartets mit Chet Baker abspielen. Sie können diese Aufnahme aus dem Jahr 1953 heute noch auf youtube nachhören. Ich weiß nicht wie viel meines Taschengelds diese Jukebox damals verschlungen hat. Es wird sicher nicht wenig gewesen sein.

Abgelöst wurde „Moonlight in Vermont“ jedenfalls durch Aufnahmen des Dave Brubeck-Quartets aus dem 1954 entstandenen Album „Jazz goes to Collage“.

Da ich in Dresden einst Mitglied des Dresdner Kreuzchors – einem Bubenchor, ähnlich den Wiener Sängerknaben – gewesen war und dadurch Noten lesen gelernt hatte, fing ich in Heidelberg auf der Musikschule zunächst mit klassischer Gitarre an, was dann sehr sehr bald durch eine Selfmade-Ausbildung zum Rock´n Roll-Gitarristen ersetzt wurde. D.h. zum Rhythmus.Gitarristen für Elvis Presley-Songs.

Als allerdings der Jazz in meinem Leben ein immer größeres Gewicht bekam, versuchte ich es mit Unterricht bei einem damals im Rhein-Neckar-Gebiet sehr anerkannten Jazz-Gitarristen. Was allerdings recht bald wiederum dadurch ein Ende erfuhr, dass ich mich dem Theater verschrieben hatte, was ich ebenfalls bis heute nicht bereue.

Meine Schauspiel-Ausbildung in München habe ich mir jedenfalls mit meinen spärlichen Jazz-Kenntnissen, dafür aber den etwas profunderen Rock´n Roll-Fähigkeiten in amerikanischen Clubs rund um die bayerische Metropole verdient. Denn mein Vater war strikt gegen meine Berufswahl und holte mich sogar von dieser Schauspielschule ab und ich musste ihm folgen weil man damals erst mit 21 Jahren über sich selbst verfügen durfte. Einen kleinen Teil an Unterhalt und Schulgeld erhielt ich nur von meiner Mutter, die sich das mit eiserner Disziplin absparte. Meine Eltern lebten damals nicht mehr zusammen.

Aber ich wollte ja noch ein wenig von dieser Heidelberger Eisdiele erzählen. Um die Ecke von dieser Eisdiele gab es einen Studenten-Club, der sich zu einem der damals bedeutendsten Jazz-Clubs in Deutschland gemausert hatte, das „Cave 54“. So genannt nach seinem Entstehungsjahr. Dort gab es einen jungen Jus-Studenten, der in einem VW-Käfer, der heute wohl beim TÜV nicht mehr den Hauch einer Chance hätte, die besten amerikanischen Musiker zusammen fing, die in den Kasernen rund um Heidelberg, Mannheim und Kaiserslautern (das die Amerikaner K-Town nannten) ihren Armee-Dienst ableisteten. In Frankfurt gab es außerdem die legendäre 7th Army Band, in denen der Pianist Cedar Walton, der Bassist Leroy Vinegar, der Tenorsaxophonist Eddie Harris und der in Wien begrabene Altsaxophonist Leo Wright musikalische Eckpfeiler waren. Dieser Jus-Student hieß Fritz Rau und wurde später einer der bekanntesten und besten Promoter in Europa und brachte nicht nur Musiker wie Oscar Peterson in die deutschen und österreichischen Konzertsäle sondern auch Sammy Davis jr. und später sogar die Rolling Stones in die diversen Fußball-Stadien. In Wien ins Prater-Stadion. Dieses Jazz-Lokal Cave 54 in Heidelberg war damals nahezu der Mittelpunkt meines Lebensinteresses.

Das alles umschreibt das Umfeld, das mich zum lebenslangen Jazz-Fan werden ließ und dem ich viele unvergessliche Stunden in meinem Leben verdanke.

Erst später empfand ich es als überaus wertvoll dass diese Musik – wie die Kunst überhaupt – nicht nach Religion, Herkunft oder gar Hautfarbe fragt. Ich sage mit Absicht: Diese Musik!!

Denn von meinem Freund Joe Zawinul weiß ich, dass in den amerikanischen Südstaaten noch zu seinen Zeiten als Pianist im Quintett des Saxophonisten Cannonball Adderley, also in den 1950er-Jahren,  strenge Rassentrennung herrschte und ein Club-Betreiber, der es nicht verhindern konnte dass zwischen den dunkelhäutigen Musikern des Adderley-Quintetts auch der weiße Pianist Zawinul mit auf der Bühne seines Clubs saß, von Killern des Ku-Klux-Clans am nächsten Tag ermordet wurde. Joe hatte es von Maynard Ferguson erfahren, der zwei Tage später dort hätte spielen sollen.

Zum Glück sind auch diese Zeiten mittlerweile Geschichte. Aber der Jazz hat in seinem Entstehungsland längst nicht den Stellenwert, den er bei seinen europäischen Fans genießt. Das ist wohl auch der Grund weshalb sich viele prominente Jazz-Musiker in Paris, Berlin, London aber auch in Wien niedergelassen haben. Speziell in den 1970er- und 80er-Jahren. Ich denke da an den Trompeter und genialen Flügelhorn-Spieler Art Farmer, seinen Kollegen Benny Bailey, ich denke an Jimmy Woode, den Bassisten der Ellington Big Band, an den Trompeter Chet Baker, den allerdings bei seiner Rückreise in die USA als Drogen-Abhängiger eine Haftstrafe erwartet hätte und diverse andere Hoch- karäter.

In diesen heutigen Tagen, in denen die Welt immer mehr zu einem globalen Dorf zusammen schmilzt und man schnell mal zu einem Konzert von New York oder Los Angeles nach Berlin, Paris oder Rom fliegen kann, ist der aktuelle Wohnsitz sicher nicht mehr von dieser überragenden Bedeutung.

Auch Österreich hat erfreulicherweise eine sehr vitale Jazz-Szene. Davon zeugen viele hervorragende Spielstätten in den entlegensten Winkeln der Bundesländer und selbstverständlich auch in den jeweiligen Landeshauptstätten sowie eine stattliche Anzahl von Musikern von hohem internationalen Niveau. Ich denke da z.B. an die Big Band Graz, die Lungau Big Band, ddas Jazz Orchester Steiermark, die Big Band aus Bad Gleichenberg oder an Musiker-Persönlichkeiten wie Georg Breinschmidt, Harry Sokal, Gerald Preinfalk, Karlheinz Miklin, Wolfgang Puschnig, Harri Stojka, Martin Gasselsberger und und und...... Man könnte die Liste endlos fortsetzen.

Das heißt, dass der Jazz aus unserer Gesellschaft nicht mehr weg zu denken ist und das ist gut so. Denn Jazz ist nicht nur eine Musikrichtung, deren viele Ausformungen man nun lieben kann oder die man ablehnt sondern es ist das was auf englisch als „state of mind“ bezeichnet wird und das hieße auf deutsch etwa „Lebenshaltung“. Also: Insbesondere auch eine vorurteilsfreie Haltung, die – ich erwähnte es schon – weder nach Konfession, ethnischer Herkunft schon überhaupt nicht nach der Farbe der Haut fragt. Und nach meiner bescheidenen Meinung brauchen wir diese Haltung heute mehr denn je.

Ich wünsche diesem Festival, seinem Veranstalter und den zahllosen freiwilligen Mitarbeitern den gebührenden Erfolg. Dh. einen riesigen.

„Keep swinging“ hätte Ihnen der unvergessene Walter Richard Langer zugerufen. Ich tue das hier an seiner Stelle.